Kleine Pille – Große Geschichte

Seit über einem halben Jahrhundert vertrauen Frauen ihre Verhütung der Pille an. Heute greifen weltweit rund 100 Millionen täglich zur Pillen-Packung. Was viele nicht wissen: Die Antibabypille ist heutzutage als Verhütungsmittel selbstverständlich. Das war jedoch nicht immer der Fall. Die Frauen haben auf diese sichere und einfache Verhütungsmethode jahrzehntelang warten müssen und ihr Recht auf Selbstbestimmung auch in der Empfängnisverhütung hart erkämpfen müssen. Insbesondere zwei Frauen machten durch ihren Mut und Einsatz die Entwicklung der Pille überhaupt möglich.

In einer Zeit, in der Verhütung noch ein Tabu war und als gotteslästerlich galt, setzten sich Margaret Sanger und Katherine McCormick entschlossen für die Geburtenkontrolle und damit auch für die Frauenbewegung ein. Leidvolle Geschichten unzähliger Frauen, die nach mehreren ungewollten Schwangerschaften mit ihren übergroßen Familien in Armut lebten, bei einer Geburt starben oder bizarre Abtreibungen mit oft tödlichen Folgen über sich ergehen ließen, trieben die beiden Amerikanerinnen an.

Seit 1926 klärte die Krankenschwester Margaret Sanger in selbsterrichteten Frauenkliniken über verschiedene Verhütungsmethoden und Familienplanung auf – leider ohne großen Erfolg.
Das Problem lag nicht an mangelnden Besucherinnen. Sanger stieß in der streng katholischen und männerdominierten Gesellschaft ständig auf Widerstand, wurde sogar für ihre Aufklärungsversuche verhaftet.

Sanger und McCormick waren sich einig: Einzig eine Verhütung, die die Frau selbst kontrollieren kann, würde dem ungeplanten Kindersegen ein Ende setzen. Erst in den fünfziger Jahren lockerten sich die Gesetze zur Geburtenkontrolle, so dass es möglich war, nach neuen Verhütungsmitteln zu suchen. Mit einer Idee für das „perfekte Verhütungsmittel“ wandten sich die beiden Frauen an den Wissenschaftler Gregory Pincus. Sie forderten ein Mittel zur Empfängnisverhütung, das man wie Aspirin einnehmen kann und das schnell und günstig herzustellen ist. Die finanziellen Voraussetzungen für Forschung und Entwicklung – nicht weniger als zwei Millionen Dollar – lieferte McCormick, eine wohlhabende Dame der Gesellschaft.

Die Vorarbeit für die Geburt der Pille leisteten mehrere Hormonforscher parallel und unabhängig voneinander. Sie entwickelten die ersten synthetischen Östrogene und Gestagene – beide Bestandteile der Pille. Am bekanntesten ist Carl Djerassi, der von vielen als 'Vater der Pille' bezeichnet wird. Doch erst Gregory Pincus setzte sich zum Ziel, aus diesen Wirkstoffen ein Mittel zur Schwangerschaftsverhütung zu produzieren. Dies gelang ihm auch. Seine ersten Pillen wurden 1956 erfolgreich an Frauen lateinamerikanischer Länder erprobt. In den westlichen Ländern traute sich zunächst noch keiner an die Herstellung solch eines Verhütungsmittels.

Erst 1960 erreichten Sanger und McCormick endlich ihr Ziel: Das erste medikamentöse, orale Verhütungsmittel 'Enovid 10' kam in ihrer Heimat, den Vereinigten Staaten, auf den Markt. Ein Jahr später war die Antibabypille mit dem Namen Anovlar® auch in Europa erhältlich.

1966 brachte Gedeon Richter die erste Pille auf den ungarischen Markt.

Erstmals hatten Frauen die Möglichkeit über ihr Leben und ihren Körper selbst zu bestimmen. Sex hatte nicht mehr allein mit Kinderkriegen zu tun, sondern auch mit Liebe und Spaß. Doch nicht allen war es möglich, an die neue Wundertablette zu kommen. Mit dem Argument, ledige Frauen bräuchten keinen Empfängnisschutz, bekamen nur verheiratete Frauen das Rezept für die Pille. Um sich vor Angriffen der Kirche und der Kritiker zu schützen, wurde die Pille in den ersten Jahren als Mittel gegen Menstruationsbeschwerden vermarktet. Die empfängnisverhütende Wirkung wurde als Nebenwirkung deklariert. Erst die sexuelle Revolution in den siebziger Jahren führte endlich zur freien Verfügbarkeit der Pille in den USA und in Europa.

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